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Im Frühling erblicken zwei neue Bücher das Licht der Welt

 

Wie kommt der Krieg ins Kind

Meine Mutter war vierzehn, als sie 1945 verhaftet, in das polnische Arbeitslager Potulice verbracht und zu unbefristeter Zwangsarbeit verurteilt wurde. Der Grund: Sie hatte 1939 gemeinsam mit der Familie die sogenannte „Deutsche Volksliste“ unterschrieben, die sie im von Hitler annektierten (polnischen) Wartheland als Deutsche auswies.

Ich begab mich auf Spurensuche. Im polnischen Staatsarchiv in Bydgoszcz/Bromberg konnte ich ihre Gefangenenakte einsehen. Ihr Fingerabdruck verband die Erzählungen meiner Mutter mit der faktischen Welt. Er sagte: Ja, es ist wahr. Sie war hier, und ist es noch: Verkörpert und verewigt in dieser schlichten, rohen Spur ihres jungen Körpers …

Um die Hintergründe ihrer Gefangenschaft zu verstehen, ging ich weiter in der Zeit zurück, forschte über die Familie und das deutsch-polnische Verhältnis über zwei Weltkriege hinweg, fragte nach Identität, nach Sprache, Menschlichkeit, Loyalität und Verrat. Das Erleben meiner Vorfahren hat auch Auswirkungen auf mein Leben. Dass die Vergangenheit nicht ruht, erfahren wir ganz aktuell im politischen Geschehen in Europa.

Es ist ein Buch, in dem sehr Persönliches und die großen Zeitläufte sich wechselseitig spiegeln. Spurensuche, deutsch-polnische Geschichtsschreibung und Erzählung in einem.


Vorschauseiten

 

 

 

Klaus Mann: The Chaplain / Il Cappellano

Es ist fast völlig unbekannt, dass Thomas Manns ältester Sohn Klaus Mann, der Autor des verfemten Romans Mephisto, an der Entstehung von Roberto Rossellinis neoveristischem Klassiker Paisà (1946) sehr aktiv beteiligt war. Paisà schildert in sechs Episoden die Befreiung Italiens 1943 bis 1945 von Faschismus und Nationalsozialismus durch die US-amerikanischen Streitkräfte – sowie die schon damals daraus resultierenden menschlichen „Kollateralschäden“.

lKaus Mann war freiwillig der US-Army beigetreten und in der Abteilung für psychologische Kriegsführung am Italienfeldzug aktiv beteiligt. Seine Ausbildung erfuhr er im geheimen Militärcamp Ritchie im US-Bundesstaat Maryland, wie mit ihm andere namhafte Emigranten wie Hans Habe, Guy Stern und Stefan Heym. Zu den wichtigsten Aufgaben der „Ritchie Boys“ zählte das Verfassen von Frontpropaganda wie Flugblätter, Radio- und Lautsprecherreden, die die Deutschen zur Desertation bewegen sollten, sowie das Verhören von Kriegsgefangenen. Welche Macht haben Worte im Kriegsgeschehen, gibt es eine Zauberformel für den Frieden?

Klaus Manns vollständiges Drehbuch um einen pazifistischen Militärgeistlichen und einen jungen Faschisten wurde nie gedreht. Sie gilt als Manns letztes abgeschlossenes Werk, ehe er seinem Leben 1949 ein Ende setzte.

Mit dem vollständigen Abdruck des Drehbuchs im amerikanischen Original und in italienischer Übersetzung stellen wir Klaus Manns Tragödie erstmals in Italien vor, dort, wo sie der Autor – als hätte er die Geschichte unmittelbar aus der Wirklichkeit gegriffen – angesiedelt hatte. Mit wissenschaftlich-essayistischen Beiträgen von Fredric Kroll, Alberto Gualandi, Susanne Fritz, Piergiorgio Ardeni und Lorenzo Bonosi.



Klaus Mann: “The Chaplain / Il Cappellano”
curato da Alberto Gualandi
Edizioni Pendragon, Bologna April 2018

Buchvorstellungen und szenische Lesungen in Zusammenarbeit mit dem Teatro delle Ariette und der Cinemateca Bologna am 21. und 25. April 2018

 

 

 

Ein Besuch in Krakau

„Wir kennen nicht die wichtigsten Ereignisse, die sich jenseits unserer Wände abspielen. Nichtsdestoweniger rücken sie unerbittlich an. Man braucht nur die Tür zu öffnen“, notierte Tadeusz Kantor, der das europäische Theater im Krakauer Untergrund zur Zeit der deutschen Besatzung revolutionierte. Eine Hand breit entfernt, im Versteck vor Barbarei und Tod, gewann Kantor und sein Ensemble aus den Resten der Zivilisation künstlerisches Gold.

Ich ertappe mich dabei, den Hausschlüssel dreimal herumdrehen zu wollen. Die Ereignisse lassen sich von persönlichen Sicherheitsvorkehrungen wohl wenig beeindrucken.

Öffnen wir unsere Türen.
Bin ich Gast oder Gastgeber?

 

Frau in der Badewanne. Kantor Museum Cricoteca, Krakau.
Foto: S. Fritz

 




Post für einen bedeutenden Rabbiner, Alter jüdischer Friedhof Kazimierz, Krakau




Lesen die Toten unsere Briefe?
Eine Collage aus Krakau.
©Susanne Fritz 2016

 

 

 

Man muss sprechen. Zum 30. Todestag Primo Levis

Kurz nach der Befreiung am 27. Januar 1945 beschreibt der Chemiker Primo Levi zusammen mit dem Arzt Leonardo Benedetti im Auftrag der russischen Kommandantur die hygienisch-medizinische Organisation des Konzentrationslagers Auschwitz III in Monowitz. Genaue Innenansichten wie diese sollten das ergänzen, was die fotografischen Dokumente der Befreier nur unzureichend wiedergeben konnten. Für eine umfassende Spurensicherung kamen sie zu spät: Die Mörder hatten die Beweise so gut es ging vernichtet, die Krematorien gesprengt und die Deportierten aus den Lagern auf die tödlichen Evakuierungsmärsche getrieben, um keine Zeugen zu hinterlassen. Levi verblieb mit anderen Kranken und Gehunfähigen im Lager zurück und überlebte. Der im Frühjahr 2017 im Carl Hanser Verlag erschienene Band „So war Auschwitz“ versammelt wichtige wiederentdeckte sowie erstmalig publizierte Zeugnisse des Zeitzeugen und luziden Schriftstellers über einen Zeitraum von einundvierzig Jahren. Die Geschichte der Konzentrationslager bleibt virulent. Levis Sätze sind blanke Spiegel, es fordert Mut, hineinzusehen.


Man muss sprechen. Zum 30. Todestag Primo Levis.
Artikel in der Badischen Zeitung vom 22.April 2017

 

 

 

Lammfromm? Das Schaf als Heiland und Menschenfresser.
Eine persönliche Leseempfehlung.


Francisco de Zurbarán: Agnus Dei



Er kam vom Wolf zu den Schafen, in denen er „lange nur eine wollige Masse potentieller Opfer“ gesehen hatte. Nun entdeckte der wolfskundige Journalist, Jäger und Waldläufer Eckhard Fuhr die faszinierende Geschichte des Schafes, das wie kein zweites Tier rund um den Globus in allen Klimazonen der Erde seit Jahrtausenden aufs engste mit den Geschicken des Menschen verbunden ist. Abgerundet ist die elegant und unterhaltsam geschriebene Naturkunde, die auch Kultur-, Wirtschafts- und Sozialkunde ist, durch zwölf Portraits wichtiger Schafsrassen, die Autor und Herausgeberin Judith Schalansky „besonders gut gefielen oder mit denen sich kuriose Geschichten verbinden.“

Zum Artikel: Lammfromm?

 

 

 

Kafkas Tattoo oder Wenn Buchstaben bluten

In Franz Kafkas Erzählung „In der Strafkolonie“ von 1914 verliert das Wort jede Freiheit und mutiert zum Folterwerkzeug. Die Sprache dient nicht länger menschlichem Ausdruck und zwischenmenschlicher Verständigung. Sie wird auf einen tödlichen Urteilsspruch reduziert, den eine Maschine in den Körper des verurteilten, vollkommen stimm- und wehrlosen Menschen eintätowiert. Die Buchstaben bluten, der Mensch verblutet. In den Händen der Diktatoren und despotischen Machthaber stirbt die Sprache, unsere wichtigste Kulturtechnik. Als Schriftsteller aber glauben wir an die befreiende und emanzipatorische Kraft der Sprache. Wörter und Namen bieten Menschen Zuflucht – gerade in höchster Not. Was aber, wenn Buchstaben bluten?

Mein Text entstand als Beitrag für die Literaturzeitschrift Die Horen unter dem Titel: „Hinauf in das winzige Zelt von Blau. Writers in Prison/Writers at risk“. Ein vielstimmiger Apell für die Freiheit des Wortes, allen wärmstens ans Herz gelegt.



Auch heute noch werden mehr Schriftsteller und Schriftstellerinnen verfolgt, inhaftiert oder ermordet, als man in den westlichen Demokratien glauben mag.
Sascha Feuchert, Hans Thill und Regula Venske (PEN-Zentrum Deutschland) haben einen Band zusammengestellt, in dem die Betroffenen selbst zu Wort kommen oder von bekannten Kollegen porträtiert werden. Ergänzt werden die Texte mit Grafiken bedrohter bildender Künstler.
Mit Beiträgen u.a. von Mohammed al-Adjami, Gioconda Belli, Sabine Kebir, Enoh Meyomesse, Roswitha Quadflieg, Johano Strasser, Ilija Trojanow und Liao Yiwu.

Die Horen Bd. 261, 61. Jahrgang
€ 16,50 (D) | € 17,00 (A)

Susanne Fritz: Kafkas Tattoo oder Wenn Buchstaben bluten

 

 

 

Alles wandelt sich. Echos auf Ovid

Eine Anthologie des PEN im Ausland zum zweitausendsten Todestag Ovids, an der ich die Freude hatte, beizutragen. Buchpremiere und erstmalige Verleihung des ersten Ovid-Preises an den Literaturwissenschaftler Guy Stern (Hildesheim/Detroit) für sein Lebenswerk am 14. März 2017 in der Deutschen Nationalbibliothek Frankfurt am Main.

 

Von links nach rechts: Die Leiterin des Exilarchivs, Deutsche Nationalbibliothek Frankfurt, Dr. Sylvia Asmus und ihr wissenschaftlicher Mitarbeiter, die Autorin Renate Ahrens, der Preisträger Guy Stern, die Herausgeberin Gabriele Alitoth und die Autoren Gisela Holfter, Susanne Fritz und Utz Rachowski. Foto: Presse

Näheres siehe bitte Rubrik Schreiben/Sammelbände.

Fingerabdruck. Wie kommt der Krieg ins Kind?

Ich bin Teil einer Geschichte und zugleich aus ihr verbannt. Es ist nicht mein Erleben, und doch gäbe es mich nicht ohne es. Ich weiß einiges, vielleicht genug. Aber woher rührt dieser Impuls, Lücken schließen, Einzelheiten verbinden, das Rätsel lösen zu wollen? Eine persönliche Spurensuche oder Salto rückwärts aus der sich zuziehenden Überwachungsgesellschaft in ein polnisches Zwangsarbeitslager 1945-49.

„Lettre International“ 109, Berlin Juni 2015

 

 

 

Jahrestagung des deutschen PEN
Magdeburg vom 7. – 10. Mai 2015

Das Treffen, an dem ich als „Neue im Club“ erstmalig teilnahm, stand unter dem Motto „Die böse Lust am Zweifel“ (Brigitte Reimann). Tagungsort war die Johanniskirche, die im zweiten Weltkrieg fast vollständig zerstört wurde. Die heute modern ausgebaute Ruine bot eine sprechende Kulisse für meine kurze Rede am 8. Mai, in der ich an 70 Jahre Kriegsende und das Schicksal meiner Mutter als gefangenes Kind erinnerte.

Vorstellungsabend „Neu im Club“: Im Gespräch mit Regula Venske

 

 

 

 

 

 

 

8. Mai 2015. Heute vor 70 Jahren…
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